Kapitel 9

Begegne Falschinformationen und Scheinargumenten

Falsche oder irreführende Informationen zerstören die Grundlagen der sachlichen Verständigung – auch bei Verkehrsprojekten. Wer ihre Wirkung kennt, kann ruhiger reagieren und leichter zum konstruktiven Gespräch zurückfinden.

Blaues Notizbuch mit der handschriftlichen Aufschrift „Misinformation“ und eine Lupe auf leuchtend orangefarbenem Hintergrund.

Über Ziele, Prioritäten und die beste Lösung darf und soll gestritten werden.

Unterschiedliche Sichtweisen auf Mobilität sind normal und wichtig. Voraussetzung ist aber, dass die Debatte auf Tatsachen beruht, die beide Seiten anerkennen. 

Wo falsche Behauptungen den Ton angeben, geht es nicht mehr um das beste Argument. 
Falschinformationen erschweren eine sachliche Diskussion. Sie machen es mitunter sogar unmöglich, an guten Lösungen zu arbeiten. 

Die gute Nachricht: Wir sind solchen Situationen nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt Techniken, um mit Falschinformationen umzugehen.

Den eigenen Punkt setzen 

Social Media-Algorithmen von Instagram, X, Tiktok und Co. sowie weitere Online-Medienangebote zielen erfolgreich auf unser Ur-Gehirn: Angst, Gier, Wut, Neugier, Liebe … Tief verankerte Überlebensinstinkte lassen uns klicken. 

Daher sind Falschinformationen oft erfolgreich: Sie erzeugen Aufregung. Und aufgeregt sind wir aufmerksam: Lauert eine besondere Gefahr oder winkt eine große Chance? Fact-Checking reicht nicht mehr, denn gleichzeitig haben die üblichen Faktenchecker – Öffentlich-Rechtliche aber auch Politik und Verwaltung – an Vertrauen verloren. Und wir müssen mit wachen Augen im Blick behalten: Lange galten Werte wie Ehrlichkeit, Fairness und Kooperation als eine unausgesprochene Grundlage für Begegnungen und Debatten in der Gesellschaft – diese Werte wandeln sich möglicherweise derzeit. Und damit auch der Rahmen für manche Gespräche und Kontakte. 

Wenn falsche Informationen häufig genug wiederholt und konsumiert werden, bleiben sie hängen. Die Brille wird immer schärfer, durch die alles negativ erscheint: „Der Staat ist im Niedergang“; „die Stadt bekommt einfach nichts auf die Reihe“; „die da oben machen sich die eigenen Taschen voll.“ 

Der Demokratie-Monitor der Uni Hohenheim zeigt für 2025 für die Aussage „Die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit“ 23 % Zustimmung im Westen und 37% im Osten. Das sind hohe Werte.

Die „Sandwich-Technik“

Ein internationales Team um den Kognitionspsychologen Stephen Lewandowsky hat im Handbuch Widerlegen aber richtig  die Ergebnisse aktueller Forschung zusammengetragen. Die folgende Argumentationstechnik eines „Sandwichs” – hier dargestellt als Burger – empfiehlt das Team im Umgang mit festgefahrenem Irrglauben:

Startinformation und Schlusssatz verankern sich am stärksten im Gedächtnis

Diesen Effekt nutzt die Sandwich-Technik. Ein Beispiel: 

  • FAKT: Mit einem E-Auto können Sie bedenkenlos in eine Waschstraße fahren. Denn wie in einem Verbrenner-Auto ist die Elektronik geschützt. 
  • FALSCHINFORMATION: Dass ein E-Auto vom Wasser in der Waschstraße beschädigt wird, oder auf diese Weise gar Menschen in Gefahr gebracht werden könnte, ist also falsch. 
  • FALSCHE SCHLUSSFOLGERUNG: Denn das Wasser kommt nicht an die die Elektronik im E-Auto, genauso wenig wie wenn das Auto im Regen fährt oder steht. 
  • FAKT: Mit dem E-Auto in die Waschstraße zu fahren, ist also absolut sicher – für Auto und Insassen. Das Wasser kommt nicht an die Elektronik. 

Wichtig: Die Person oder Institution, die eine Falschinformation widerlegt, muss von der Zielgruppe als glaubwürdig wahrgenommen werden. Das ist mindestens so wichtig, wie die Widerlegung selbst (vgl. Kapitel: Baue Vertrauen auf).

Gibt es besonders glaubwürdige Absender? Technische Fachleute, Wissenschaftler, Ärztinnen, lokale Ansprechpersonen – also Menschen – überzeugen oft eher als eine unpersönliche Kommunikation einer Institution als Absender. 

Bestimmte Gruppen können wir kaum erreichen – so sehr wir uns auch anstrengen 

Laut Demokratie-Monitor 2025 leben bundesweit 17 Prozent der Bevölkerung in einem (geschlossen) populistischen Weltbild, in Baden-Württemberg liegt der Wert etwas niedriger. Menschen in dieser Gruppe sind sehr misstrauisch gegenüber Regierung, Parteien, öffentlich-rechtlichem Rundfunk und Wissenschaft.

Einerseits erreichen wir die Kommunikationskanäle dieser Gruppe nur schwer. Andererseits fehlt die geteilte Grundlage einer faktengestützten Weltsicht; also die gemeinsame Grundlage, auf der man die Welt interpretiert – und zu Lösungen kommt. 

Ein bisweilen vorgeschlagener Ansatz, um diese Grenzen aufzubrechen, ist das gemeinsame Tun: kleine Projekte lokal umsetzen, ein gemeinsames Mobilitätsinteresse finden und damit eine minimale Chance für neue soziale Identitäten – also Gruppen-Zugehörigkeiten – eröffnen.

Eine kurze Einordnung der Begriffe 

Falschinformation: ein Überbegriff für falsche oder irreführende Inhalte 

Desinformation: falsche Informationen, die absichtlich verbreitet werden 

Misinformation/Fehlinformation: falsche Informationen, die unabsichtlich verbreitet werden

Fake News: kann als Begriff für Des- und Misinformation gebraucht werden, stellt sich oft im Nachrichtenstil dar

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