Kapitel 5

Erzähle Geschichten von Sinn und Nutzen

Geschichten erreichen uns auf einer tieferen Ebene als Fakten und Informationen. In den handelnden Figuren wird Mobilität konkret und lebendig. „Storytelling“ lässt sich in einfachen Formen ausprobieren und anwenden.

„Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzfäller mit seiner Frau und seinen zwei Kindern …“

Erkannt? Es ist der Anfang des Märchens Hänsel und Gretel. Dass Menschen in Geschichten kommunizieren, ist uns etwas sehr Bekanntes.

  • Geschichten geben Wissen weiter, erklären, warnen, mahnen, trösten und unterhalten. 
  • Sie erzählen, was richtig oder falsch ist, gefährlich oder klug, wünschenswert oder abschreckend.
  • Mit Geschichten und Anekdoten können wir abstrakte Informationen einordnen und begreifen – und sie unterhalten und erreichen uns auf einer tieferliegenden Ebene. 

Mobilitätskommunikation kann Geschichten einsetzen, die erklären, worum es geht und warum es wichtig ist. Diese Kommunikationstechnik nennt man Storytelling.

Geschichten sind unwiderstehlich

Wenn wir Geschichten hören, aktiviert unser Gehirn ähnliche Areale wie beim echten Erleben. Wir durchleben die Schicksale der Protagonisten – Spannung, Mitleid, Rührung – also tatsächlich körperlich. Das ist sogar messbar: Im Gehirn werden vermehrt Botenstoffe ausgeschüttet, die das Erleben von Geschichten verstärken, zum Beispiel Dopamin oder Oxytozin. Daher erinnern wir uns besser daran.

„Könnte ich die Hauptfigur sein?“ 

Diese interessante Frage lösen Geschichten aus: Sie bieten also an, sich in die Rolle der Gestalten zu versetzen. Diese Kraft von Geschichten können auch Politik und Verwaltung – in einer angemessenen Form – für Kommunikation im Bereich Verkehr nutzen.

Storytelling in der Mobilitätskommunikation übersetzt abstrakte Maßnahmen in konkrete Erfahrungen. Als Bürgerinnen oder Bürger interessieren wir vielleicht auch für nüchterne Begriffe wie „Umgestaltung“ oder „Förderung des Umweltverbunds“. Viel stärker hören wir aber hin, wenn erzählt wird, was im Leben konkreter Menschen passiert. Wir können mit der Erzählung aus dem Alltag müheloser begreifen, was eine Maßnahme wirklich bedeutet:

  • Aus einer nüchternen Information zu „Schulwegsicherheit“ wird ein Vater, der sich jetzt keine Sorgen mehr machen muss, wenn sein Kind morgens aus dem Haus geht. 
  • Aus dem Begriff „aktive Mobilität“ wird eine Pendlerin, die sich viel gesünder und ausgeglichener fühlt, seit sie den Arbeitsweg mit dem Fahrrad fährt. 
  • Aus „neuer Radweg“ wird die Rentnerin ohne Führerschein, die sich nun zutraut, mit dem Rad zum Supermarkt zu fahren – und neue Eigenständigkeit erlebt.

Gut eingesetzt können Geschichten dazu einladen, vertieft zu verstehen, welcher Nutzen – persönlich oder für andere – entsteht. Der Sinn und das Ziel werden klarer, was die Akzeptanz einer Maßnahme steigert. 

Wussten Sie das: Die meisten Menschen führen innere Gespräche. Wir erzählen uns im Laufe eines Tages selbst, was wir als nächstes tun – und warum das sinnvoll ist. Das gibt uns Sicherheit und zugleich konstruieren wir den Sinn durch unsere Erzählung.

Geschichte und Narrativ unterscheiden

Geschichten sind die vielen kleinen und großen Erlebnisse und Erinnerungen von Menschen oder Menschengruppen: 

  • Wie die erste Fahrt im E-Auto sich anfühlte.
  • Wie Verkehrsplanerinnen und -planer die Einweihung des Fahrradparkhauses erlebten – mit Stolz und Freude.
  • Wie engagierte Gemeinderätinnen und Gemeinderäte sich für die Teilnahme am STADTRADELN einsetzten und die Kommune gleich das Lokalderby gewonnen hat.

In unserem Kontext bieten sich reale, „echte“ Geschichten an – weniger das fiktionale Genre. 

Narrative sind größer. Sie formulieren Sinn, Ziel und Nutzen einer Mobilitätsgestaltung. Das Narrativ kann eine eine konkrete, positive Vision sein oder ein Hintergrund, vor dem ein Maßnahmenpaket einen klaren Sinn ergibt.

Beispiele für Narrative von Infrastruktur-Projekten: 

  • Von der Trennung zur Verbindung (wenn sichere Straßenüberquerungen gebaut werden)
  • Vom Zuschauer zum Vorreiter (wenn eine Kommune einfache und zukunftsweisende Projekte umsetzt)
  • Damit alle ihr Ziel erreichen (wenn Wahlfreiheit für Menschen ohne Auto oder Führerschein das Ziel ist)

Diese kurzen „Claims" lassen sich ausformulieren zu einem ausführlicheren Narrativ. 
Hier am Beispiel „Von der Trennung zur Verbindung”: 
 „Für Schulkinder und Menschen mit eingeschränkter Mobilität waren wichtige Ziele in der Innenstadt lange nur umständlich und über unsichere Wege erreichbar. Deshalb schafft die Stadt mithilfe einer Landesförderung sichere Fußwege und barrierefreie Straßenüberquerungen zwischen Innenstadt, Seniorenwohnanlage und Schule. Wir verbinden die Menschen unserer Stadt!”

Praxistipps

Auch Geschichten aus Verwaltungsbüros sind für Bürgerinnen und Bürger interessant:  
  • kleine Schwierigkeiten im Projekt, die überwunden wurden oder zu guten Änderungen führten
  • Humorvolles, Anekdoten
  • Erfahrungen von Mitarbeitenden 
  • ein „Blick in die Werkstatt“ oder „Blick hinter die Kulissen“

So entstehen Nahbarkeit und Verbindung – und dadurch Vertrauen.

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Baue Vertrauen auf

Vertrauen entscheidet, ob eine Kommunikation ankommt. Es bereitet der Verständigung den Boden. Und Vertrauen entsteht schon durch kleine Signale.

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