Storytelling ist eine bewährte Kommunikationstechnik: Geschichten wecken Emotionen und machen Zusammenhänge einfacher begreifbar. Üblicherweise werden dabei Geschichten über Menschen erzählt. Das „partizipative Storytelling“ geht einen Schritt weiter.
Die beteiligten Menschen sind nicht nur passive Quellen für Geschichten: Ihr Wissen, ihre Erinnerungen und ihre Wünsche werden Teil des Planungsprozesses. Forschende für die Entwicklung des ländlichen Raums aus Göttingen haben diesen Ansatz ausprobiert und in einer neuen Studiedarüber berichtet. Ihre Aufgabe war: Moore in Estland wiedervernässen. Dazu haben sie die Anwohnenden gebeten, zu erzählen – von ihrer Kindheit im Moor, vom Beerenpflücken, von Wanderungen, Begegnungen mit Wildtieren und von der Geschichte des Ortes. Dabei wurde deutlich, welche Veränderungen für die Region gewünscht und wichtig war. Die Geschichten lieferten zugleich konkretes Wissen, das in technischen Untersuchungen nicht erfasst worden war – etwa über frühere Wasserverläufe oder alte Bauwerke im Moor. Dieses lokale Erfahrungswissen führte dazu, dass Planungen angepasst und beispielsweise Dämme an anderen Stellen errichtet wurden. Die Bevölkerung wurde zur fachkundigen Partnerin. Dadurch wuchs das Vertrauen zwischen Anwohnenden und Planenden, und die Veränderungen wurden breit akzeptiert. Dieser Ansatz lässt sich auf die Verkehrsentwicklung übertragen – beispielsweise auf Projekte im Straßen- und Schienenverkehr. Der Umbau einer Straße, der Ausbau einer Bahnstrecke oder die Umgestaltung eines Bahnhofsumfelds verändern gewachsene Alltagswege und vertraute Orte. Technische Verkehrsdaten zeigen zwar, wie viele Menschen eine Strecke nutzen oder wo Engpässe entstehen. Sie zeigen jedoch nicht, warum bestimmte Wege wichtig sind, wo sich Menschen unsicher fühlen oder welche Orte für das soziale Leben eines Quartiers eine besondere Bedeutung haben.
Die Erzählungen von Anwohnenden, Pendelnde, Beschäftigte, Schülerinnen und Schüler oder Gewerbetreibende machen sichtbar, wo eine Straße früher als Treffpunkt diente, welche Bahnverbindung für den Zugang zu Arbeit und Bildung unverzichtbar ist oder welche Barrieren ältere Menschen und Personen mit Mobilitätseinschränkungen erleben. Solche Geschichten ersetzen keine Verkehrsmodelle, Messungen oder technischen Gutachten. Sie ergänzen diese jedoch um lokale Alltagserfahrungen. Dadurch können Planende Lösungen entwickeln, die nicht nur verkehrstechnisch funktionieren, sondern auch möglichst gut zum jeweiligen Ort und zu den Bedürfnissen der Menschen passen. Partizipatives Storytelling kann in Beteiligungsverfahren eine gute Ergänzung darstellen.