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Gastbeitrag
  • Bild: © Stephanie Häfele/Diakonie

"MOVE" macht Menschen mit Behinderung fit für Bus und Bahn

Nicht aufgeben, handeln! Der Sozialpreis "innovatio" von Diakonie, Caritas und Versicherer im Raum der Kirchen zeichnet seit 15 Jahren Projekte von Menschen aus, die soziale Nöte anpacken und Lösungen entwickeln.

Es ist Montagmorgen, 6 Uhr 41 in Tübingen. An der Haltestelle im Französischen Viertel warten Cumhur Topal und Kai Krudewig zusammen auf den Bus. Als die Bremsen quietschen und die Türen sich öffnen, winkt Kai Krudewig dem Busfahrer kurz zu. Dann steigt er ein und klappt die Rollstuhlrampe heraus. Cumhur Topal fährt gekonnt über die Rampe in den Regionalbus. Ziel der beiden ist die Stadt Reutlingen. Dort hat Cumhur Topal Anfang September an der Kerschensteiner Schule seine Ausbildung zum Mediengestalter begonnen.

Cumhur Topal und Kai Krudewig sind ein eingespieltes Team. Zusammengebracht hat sie das Projekt "MOVE" vom Freundeskreis Mensch, Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg. "MOVE" steht für "MObilität VErbindet". Mit seinen Begleitpatenschaften zwischen Menschen mit und ohne Behinderung ist es bundesweit bisher einzigartig: Menschen, die im Umgang mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fitter werden wollen, üben im intensiven Einzeltraining mit ihrem Paten, wie man zur nächsten Haltestelle findet, wo man sich im Bus festhält oder wie man den Fahrplan liest. Aber nicht nur die "technischen" Herausforderungen werden trainiert, sondern zum Beispiel auch, wie man mit pöbelnden Schülern umgeht oder Ruhe bewahrt, wenn der Bus nicht kommt. Das Hilfeangebot ist ganz individuell auf jeden einzelnen Teilnehmer zugeschnitten.

Oft Fehlanzeige: Sicherheit im Umgang mit Bus und Bahn

Wie kommen Menschen mit Behinderung wo hin? "Das war lange ein ungelöstes Problem", sagt Johanna Schnurr, Koordinatorin von "MOVE". Kurzentschlossen einen Freund besuchen oder spontan mit dem Zug in die nächste Stadt fahren: Meistens fühlt sich ein Mensch dann frei und unabhängig, wenn er sich selbstständig bewegen kann. Mobilität ist wichtig für ein selbstbestimmtes Leben.

Mobil ist für Menschen mit Behinderung aber häufig schwierig: "Wenn jemand im Betreuten Wohnen zum Beispiel ins Kino gehen möchte, muss er sich hier im Landkreis Tübingen mindestens 8 Tage vorher bei einem Fahrdienst anmelden, der ihn dann abholt. Spontanität gibt es da nicht", erklärt Johanna Schnurr, "Im voll-stationären Bereich bekommt kaum jemand überhaupt einen privaten Fahrdienst, weil die Kostensätze nicht hoch genug hierfür sind."
Einen Ausgleich soll eigentlich die Freifahrt mit dem Schwerbehindertenausweis schaffen. Eigentlich. Denn das ist leider oft nur schöne Theorie. "Dieser Ausgleich klappt nicht", ist Johanna Schnurrs Erfahrung. Vielen Menschen mit Behinderung fehlt für die Fahrt mit Bus und Bahn die Sicherheit.

Mehr Mobilität heißt auch mehr Spontanität für Menschen mit Behinderungen

"Was können wir machen, damit die Leute mobiler werden?", hat sich Veronika Schaible, Vorsitzende des Werkstattrats vom Freundeskreis Mensch und selbst Rollstuhlfahrerin, vor 5 Jahren gefragt. "Angefangen hat alles damit, dass wir damals die Busunternehmen angefragt haben, uns doch einfach einmal einen normalen Linienbus zu schicken." 40 Interessierte haben dann auf dem Gelände der Werkstatt erste Erfahrungen und "Trockenübungen" mit einem Bus gemacht.

"Wir wollten es aber nicht bei der einmaligen Aktion belassen", sagt Veronika Schaible. Für die Idee des permanenten Begleitpatenprojekts war schnell der Landrat als Schirmherr gewonnen und auch die Verkehrsverbünde im Landkreis waren zur Kooperation bereit. Parallel dazu begann 2010 die Aktion Mensch, Inklusionsprojekte zu fördern und gab „MOVE“ den Zuschlag für die Planungsphase. "2014 können wir dann hoffentlich mit der vollen Aktion-Mensch-Förderung richtig durchstarten. Das heißt, noch mehr Leute ansprechen und neue Patenschaften gewinnen", freut sich Vorstand Horst Gessert.

Schwachstellen im barrierefreien Nahverkehr aufdecken – in ganz Deutschland

Das Projekt wird hauptsächlich von ehrenamtlichem Engagement getragen. Aber es braucht natürlich auch Profis und Koordinatoren im Hintergrund. Johanna Schnurr und Celina Roming vermitteln die Patenschaften. Ihre Aufgabe ist es aber auch, die gemachten Erfahrungen in die Schaltstellen von Politik und Verwaltung weiterzutragen. "Super wäre es, wenn 'MOVE' in ganz Deutschland bekannt wird und auch in anderen Landkreisen Nachahmer findet. So können Schritt für Schritt überall Schwachstellen im barrierefreien Nahverkehr aufgedeckt und behoben werden", hofft Horst Gessert.

6 Wochen sind vergangen, seit Cumhur Topal und Kai Krudewig zum ersten Mal gemeinsam die Strecke zur Schule abgefahren sind. Für manche Teilnehmer endet das Training nach dieser Zeit. Für Cumhur Topal geht die Begleitung noch weiter, allerdings mit einem neuen Paten. Ein glücklicher Zufall: Sein neuer Begleitpate ist sein Schulassistent. Der wohnt in seiner unmittelbaren Nachbarschaft, das heißt die beiden haben sogar ganz natürlich den gleichen Weg. Einen Weg, den Cumhur Topal jetzt schon viel besser kennt: "Die Strecke zum Bus und vom Bus zur Schule war am schwierigsten für mich", erinnert sich Cumhur Topal "Für mich hat sich schon so viel verändert", sagt er und strahlt, "Ich bin jetzt viel sicherer unterwegs".

Dieser Gastbeitrag wurde uns freundlicherweise von der Diakonie zur Verfügung gestellt und erschien erstmals am 20. November 2013 auf diakonie.de. Text und Fotos: © Stephanie Häfele/Diakonie